Fotoausstellung Hamburg - Der Rote Stuhl Fotoausstellung BLICK ZURÜCK Hamburg

Der rote Stuhl

Als ich die wunderbar illuminierte Zhonghshan-Brücke in Lanzhou (China) über den Gelben Fluss sah und ihre Bedeutung erfasste, gewann das Projekt Roter Stuhl sofort konkrete Züge. Ich wollte einen roten Stuhl auf die Brücke stellen und Menschen einladen, für ein oder mehrere Fotos darauf Platz zu nehmen.

Diese bedeutsame Brücke wird von vielen Menschen täglich überquert; Arbeitern und Geschäftsleuten. Jungen und Alten, Frauen und Männern. Menschen unterschiedlichster Herkunft, mit 1000 Schicksalen und verschiedenen Religionen.

Sie bummeln, hasten, schlendern, fahren mit dem Rad, allein, zu Paaren, in Gruppen, schweigen, schwatzen, sinnen, träumen. Die meisten kennen sich nicht, manchmal kommt es zu Begegnungen, meistens jedoch passieren sie einander ohne Wechselwirkung – wie überall auf der Erde.

Aber sie nutzen sie alle – die Zhonghshan-Brücke in Lanzhou. Sie ist seit über einhundert Jahren das verbindende Element zwischen den Ufern des Gelben Flusses in dieser Stadt. Und dann stoßen sie auf unser Projekt:

Ganz unvorhergesehen steht ein roter Stuhl auf der Brücke, gleich am Anfang der Brücke. Die Menschen bleiben stehen. Sind verwirrt, irritiert, belustigt, aber vor allem neugierig.

Ich lade sie mit Gesten ein, darauf Platz zu nehmen, deute auf meine Kamera. Alle verstehen sofort, sind aber skeptisch, schüchtern, zurückhaltend. Doch dann bricht der Damm. Die Jungen sind es, die zuerst auf den Stuhl drängen, ausgelassen, freudig, lachend und doch merkt man manchmal die Anspannung, was das nun werden wird. Langsam entspanne auch ich mich, fasse mehr und mehr Mut zur Durchführung dieser nonverbalen Interaktion zwischen China und einem deutschen Fotografen, ja einem Völker verbinden Kunstprojekt. Der rote Stuhl wird ein Ruhepol, entwickelt sich zum seltsamen Zwischenstopp auf dem Weg ins Irgendwohin. Menschen, Menschen, und noch mehr Menschen sitzen vor meiner Linse. Sie schauen mich an, und nun schauen sie den Besucher dieser Ausstellung an. Lasst sie ein in eure Augen, für einen Augenblick oder für immer, ganz wie ihr wollt. So weit sie von uns entfernt sind, so nah sind sie uns in diesen Momenten des Betrachten, des Versenkens und Fast-Zusammentreffens.

So ist das Projekt genau das geworden, was ich mir davon erhofft hab. Die Darstellung der Verbindungssymbolik dieser wichtigen und in China berühmten Brücke,die mit europäischen Mitteln geplant und gebaut wurde und schon so lange den Weg über den nassen Abgrund zwischen den Ufern des Gelben Flusses überwindet. Sie tut es zum Glück der Menschen und verbindet sie in diesem Projekt mit dem Jetzt. Dem Jetzt, das so dringend Interlinks braucht, um in unserer kleiner werdenden Welt das Miteinander der über ihre Abgründe stolpernden Menschen zu ermöglichen.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, meine Idee mit dem roten Stuhl auf der Brücke über den gelben Fluss mit meinen Bildern und Collagen umzusetzen.*

Die eigentlichen Helden dieses Projektes sind jedoch die Menschen in Lanzhou, die den Mut fanden, sich vor eine fremde Kameralinse aus Deutschland zu setzen und damit Teil dieses Kulturprojekts zu werden.

* Danksagung: Ich bin froh und glücklich, dass ich die Gelegenheit hatte, die Zhonghshan-Brücke in Lanzhou zu sehen, zu fotografieren und vor allem – diese Aktion durchführen zu können. Sie wäre ohne die Unterstützung der AGEN Group mit Chen Hao und Lu Scholten, der European China Culture Exchange e.V. (ECCE e.V.), seinem Präsidenten Dr. Uwe Kullnick und der Vizepräsidentin Susanna Bummel–Vohland, sowie den Offiziellen vor Ort nicht möglich gewesen.